Echokammer

von Andreas Berner

Uraufführung am 21. Februar 2019

Das Stück „Echokammer“ erzählt von vier Bewohner*innen einer Pflegestation für Demenzerkrankte in einem Pflegeheim. Die zwei Frauen und zwei Männer verbringen hier das typische ‚Dahinleben‘ der Betroffenen, wie es in deutschen Pflegeheimen in Zeiten des Pflegemangels verbreitet ist.

Überraschend entspinnt sich aber zwischen ihnen eine lebhafte Diskussion zu verschiedenen Themen unserer Zeit, etwa das Phänomen der Echokammern, der Digitalisierung, des Klimawandels, der Selbstvergessenheit unserer Wohlstandsgesellschaft, der Sterblichkeit des Menschen und der Krankheit ‚Demenz‘, in die sie auch das Publikum mit einbeziehen. Offensichtlich sind sie der Meinung, dass auch sie selbst in einer Echokammer leben, wie eben die meisten anderen Menschen, und eben alle zum Zeitpunkt des Spiels im Theater befindlichen Zuschauer.

Das Stück zeigt ein kurzzeitiges Aufleben der vier Akteure im lebendigen Widerstreit mit sich selbst, dem Publikum und der Welt. Der Höhepunkt ihres Auflebens ist die aktionistische Befreiung aus der Echokammer, die sie im Schulterschluss mit dem Publikum zelebrieren. Schlussendlich aber verlieren sie den Kampf gegen die Krankheit ‚Demenz‘ und verfallen in das fortgeschrittene Stadium dieser Erkrankung, sanft versorgt von einem Pfleger.

Die Darsteller*innen changieren dabei zwischen ihrem Spiel als Pflegeheimbewohner*innen, dem Ausstieg aus diesen Figuren in eine entpersonalisierte Figürlichkeit auf der Metaebene und der Sichtbarwerdung als Schauspieler*innen im Vorgang der Inszenierung.

Interessant ist bei diesem Stück das Spiel mit der Wahrnehmung des Zuschauers, der in seiner Rezeption des Stückes stark irritiert wird. Denn das Spiel mit den Ebenen und die Hinterfragung des Publikums selbst lassen eine eindeutige Verortung des Gesehenen nicht zu. Auch wird man sich immer fragen, ob die Figuren auf der Bühne denn nun wirklich dement sind oder nicht. Zudem werden in diesem diskursiven Stück aktuelle soziale Themen verhandelt, die Akteure reflektieren über sich selbst, das Stück, das Publikum und über gesellschaftliche Themen. Letztlich werden die Zuschauer ebenfalls angeregt, über sich selbst, ihr Leben und die Welt nachzudenken. Insofern könnte man die Erzählweise des Stücke als postdramatisch bezeichnen, ohne dass es aber dabei einen realtistischen Bezug und eine realistische Ästhetik vermissen lässt.

ECHOKAMMER - Münchner Heldentheater
ECHOKAMMER - Münchner Heldentheater
ECHOKAMMER - Münchner Heldentheater
ECHOKAMMER - Münchner Heldentheater
ECHOKAMMER - Münchner Heldentheater
ECHOKAMMER - Münchner Heldentheater
ECHOKAMMER - Münchner Heldentheater
ECHOKAMMER - Münchner Heldentheater
ECHOKAMMER - Münchner Heldentheater
ECHOKAMMER - Münchner Heldentheater

Wie geht relevantes Theater heute? Welche Stoffe sind es wert, gezeigt zu werden? Dieses Fragen treiben bestimmt viele Theaterschaffende. Und wir haben uns den Kopf darüber zerbrochen, ob wir ECHOKAMMER zu diesem schwierigen Thema und in dieser Form zeigen können. Denn es geht hier unter anderem um Demenz, ein Schicksal vieler älterer, aber auch teilweise jüngerer Menschen. Und trotzdem meinen wir, dass ausgerechnet auch dies auf dem Theater thematisiert werden kann, auch in dieser absurden und komödiantischen Weise unserer Inszenierung. Als Andreas Berner dieses Stück geschrieben hat, wollte er ganz bewusst der Schwere dieses Themas eine freche Heiterkeit beiseite stellen und die Protagonist*innen sogar mit viel Kritikfähigkeit an unserer Art zu leben ausstatten. Und es geht an diesem Theaterabend auch darum, dieses Schicksal, das uns so sehr mit unserer fragilen und endlichen Existenz konfrontiert, aus dem Abseits in das Zentrum unserer Aufmerksamkeit zu holen, damit die Betroffenen nicht vergessen werden. Und außerdem erinnert uns die Begegnung mit der Endlichkeit des Lebens daran, wie kostbar die Gegenwart ist. Und dürfen wir in diesem Stück trotzdem lachen? Ja, wir dürfen - mit den Protagonist*innen. Denn was sonst könnte man diesem Schicksal entgegensetzen, als unser Lachen?