antarctica

 

Wir schreiben das Jahr 2083, der Klimawandel ist vollzogen, die Erde hat ein vollkommen anderes Gesicht also noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Die Größe der Weltbevölkerung hat sich entgegen aller Prognosen bei 19 Milliarden Menschen eingependelt. Das trotz des Klimawandels und der Umweltzerstörung für den Menschen bewohnbare Land reicht nicht mehr aus und es wird nach neuen Lebensräumen gesucht. Die teilweise Umsiedlung der Menschen in den Weltraum verschiebt sich aufgrund von technischen Problemen um weitere 50 – 80 Jahre. Ein internationaler ethischer Wissenschaftsrat tagt zur Frage, welche Menschen den inzwischen nach der großen Eisschmelze vollständig bewohnbaren Kontinent Antarctica (Antarktis) besiedeln dürfen. Antarctica hat noch ein gemäßigtes Klima, birgt unglaubliche Bodenschätze, und fruchtbarste Böden ermöglichen eine großflächige landwirtschaftliche Nutzung. Die Wissenschaft hat errechnet, dass maximal 8,7 Milliarden Menschen auf Antarctica leben können, ohne den Kontinent zu sehr in Mitleidenschaft zu ziehen. Eine kniffelige ethische Fragestellung, die zu Entscheidungen mit weitreichenden Konsequenzen führen wird. Wird man Kontingenten aus einzelnen Nationen den Zugang gewähren? Oder einer nach bestimmten Kriterien ausgewählten transnationalen Gruppe von Menschen? Oder lässt man das Los entscheiden? Eine Antwort muss baldmöglichst gefunden werden, denn es besteht die Gefahr von kriegerischen Auseinandersetzungen mit dem Ziel der gewaltsamen Aneignung des neuerschlossenen Kontinents durch eine einzelne, militärisch überlegene Nation. Durch einen solchen Krieg droht die endgültige Auslöschung der gesamten Menschheit.

 

Inszenierungskonzept

Das Publikum ist neben den Schauspieler*innen ein weiterer zentraler Akteur in dieser Inszenierung. Es wird dieser gewichtigen und zukunftsweisenden Tagung dieses Gremiums beiwohnen, das die Geschicke der Menschheit maßgeblich beeinflussen wird. Denn die Empfehlung des Gremiums wird die große Politik als Grundlage für ihre Entscheidungen verwenden. Und das Publikum ist nicht nur dabei, es soll auch mitentscheiden, wie Geschworene in einem amerikanischen Gerichtssaal. Das schlägt die Brücke zu einem interaktiven Theaterabend, der die Illusion einer realistischen Gremiensituation schafft. Im besten Falle haben alle im Theater anwesenden Menschen den Eindruck, dass es so tatsächlich einmal sein könnte, ein Blick in die Zukunft also, der  einem durch unmittelbare Erfahrung die Schauer über den Rücken jagt. Hierzu werden die Schauspieler*innen als Wissenschaftler an Konferenztischen in der Raummitte positioniert, die Zuschauer*innen nehmen rundherum sozusagen als Beisitzer Platz, wodurch eine Art Arena geschaffen wird. Das Publikum ist zum einen Zeuge dieser Konferenz, zum anderen wird das Publikum live zu bestimmten Themen befragt und es darf letztendlich über verschiedene Vorschläge dieses Gremiums mit abstimmen. Das Publikum ist aufgerufen ethisch zu argumentieren, Gewissensentscheidungen zu treffen und zu erfahren, wie es sich anfühlt, wenn die schlimmsten Befürchtungen bezüglich des Klimawandels eintreffen. Zugleich aber bietet sich auch die Chance, in Utopien zu denken.

 

Ein performativer Theaterabend, der zwischen Surrealismus und Realismus, zwischen Dramatik und Postdramatik changiert. Vielleicht könnte man es auch als futuristisches, partizipatorisches Erlebnistheater bezeichnen.

 

Stückentwicklung

Die Textgrundlage für dieses Stück wird Andreas Berner schreiben. Dann entwickelt er als Regisseur den Rest der Inszenierung mit den Schauspieler*innen im Probenprozess auf Basis jenes Textes und der Stückidee. In diesem künstlerischen Entwicklungsprozess finden wir dann spezifische Darstellungsweisen, Handlungen, textliche Ergänzungen und Rahmen für Improvisationen während der Aufführungen. Diese kreative Probenarbeit geschieht im gemeinsamen Improvisieren, Experimentieren und Ausprobieren, wo wir im spontanen Moment die besten Ideen aufnehmen, die jede Einzelne einbringt oder die die Gunst des inspirierten Augenblicks hervorbringt. Lediglich die performative Grundsituation steht fest, die sich im Konferenztisch mit den Zuschauern rundherum etabliert. Diese Konferenzsituation soll überwiegend so realistisch wie möglich gestaltet werden, zugleich aber situativ durch unvorhersehbare, überraschende Aktionen gebrochen werden. Das facettenreiche, spannungsgeladene Spiel, welches die Realität dehnt und weitet, muss sich also vor allem in der Konferenzsituation zeigen, ist dort quasi in einen realistischen Kontext gebunden, und die Möglichkeiten zu diesem Spiel werden wir gemeinsam in unserem kreativen Prozess finden. Besonders wichtig ist dabei auch, die zugrundeliegende Geschichte mit ihren Informationen über die beschriebene Problematik der Zukunft, die in unserer Gegenwart wurzelt, so glaubwürdig wie möglich zu vertreten, damit die Zuschauer zwischen für möglich halten und nicht für möglich halten hin und her gerissen werden. Nur so können sie in der Gegenwart ins Handeln gebracht werden.